Ein kurzer historischer Überblick
von Dietrich Lensch
"Puppenspiel" im weiten Sinne kann man schon sehr früh
finden. Es handelt sich dabei aber nicht um eine
Theaterform. Im klassischen Griechenland waren bewegliche
Figuren bekannt, welche durch Fadenzüge unsichtbar
gesteuert wurden. Sie wurden aber nicht für Aufführungen
benutzt. "Puppentheater" als "Puppenspiel" im engeren Sinne
ist dagegen erst in jüngerer Zeit bekannt.
5000-1000 v. Chr. Die Ursprünge des Schattentheaters werden
in China, Indonesien und Indien vermutet. Die Legende vom
Silberschmied Jen-shi spielt 1000 v. Chr.
11. Jhd. Es finden sich erstmals Schriftzeugnisse über
Schattentheater als festen kulturellen Bestandteil. Dies
läßt darauf schließen, daß schon viel früher mit dem
Schattentheaterspiel begonnen wurde, was wohl hauptsächlich
für den Asiatischen Raum zutrifft.. Im arabischen
Kulturkreis erscheinen Gaukler, welche Figuren hinter
Vorhängen versteckt führen.
13./14. Jhd. Nachdem Europa während der Kreuzzüge erstmals
mit dem Puppenspiel in Berührung kam, tauchen nun erstmals
Zeugnisse des Handpuppenspiels in mittelalterlichen
Handschriften auf. Eine Spielfigur aus dieser Zeit wird bei
Ausgrabungen in Schwerin gefunden. Nach Frankreich könnte
das Puppenspiel (Tatterman) auch über das arabische Spanien
gelangt sein.
16. Jhd. In der Türkei wird wohl erstmals Schattentheater
gespielt. Zumindest entwickelt sich hier eine eigenständige
Schattenspieltradition (Karagös-Spiel). In Mitteleuropa
gewinnt das Puppentheater auf den Jahrmärkten an
Bedeutung.. Meist sind es Familien, welche sich mit
Puppenspiel das Brot verdienen. Hauptthema der Stücke ist
die Auseinandersetztung zwischen Himmel und Hölle, zwischen
Gut und Böse. Als bekanntestes Stück gilt wohl der "Faust".
In der Folge entstehen nun auch ländertypische Volksfiguren
(Kasper, Hanswurst).
Die Theaterwelt wird strenger organisiert. Die
Puppenspieler finden sich zu Zünften zusammen. Während auf
der großen Bühne Figuren wie der Hanswurst verdrängt
werden, leben sie im Puppenspiel weiter, mit ihnen der
derbe und komische Charakter der Stücke. Da das
Puppentheater Hauptsächlich auf Märkten dargeboten wird,
müssen die Stücke kurz und "schlagkräftig" sein um das
Publikum zu Unterhalten. Es werden auch Stücke der "großen"
Bühne gespielt, allerdings in einer vereinfachten Version
("Don Juan, kürzer und besser").
Italien mitte 16. Jhd. Entstehung der Comedia D´ell Arte.
Sie findet schnelle Verbreitung und natürlich auch Eingang
in die Puppentheaterwelt. Einige der heutigen Figuren haben
sich aus ihnen entwickelt (Pierot, Punch).
30 jähriger Krieg Mit der Armut des Volkes nach den
Kriegswirren fallen auch die Puppenspielerfamilien in
Armut, das Puppenspiel steigt sozial ab. Da andere Kunst-
und Theaterformen zur höfischen Kunst werden bleibt aber
das Puppentheater die (oft einzige) bekannte Theaterform
des einfachen Volkes.
Aufklärung Die neue Geisteshaltung verdrängt die alten
Puppenspielerthemen (Auseinandersetzung mit dem
Übernatürlichen). Das Puppenspiel verliert für das
erwachsene Publikum langsam an Interesse, nur in den
Revolutionsländern (z.B. Frankreich) erfährt das
Puppenspiel durch eine Politisierung nochmals, auch für
Erwachsenenpublikum, an Bedeutung.
Wegen des scheinbar geringen Wertes des Puppenspiels wenden
sich die "aufgeklärten" Intellektuellen gegen das
Puppenspiel. Das eh schon stark in Bedrängnis geratene
Puppentheater muß mit restriktiven Maßnahmen
(Spielverbote...) kämpfen und muß eingriffe in die
traditionellen Texte und Spielweisen dulden. Die
Puppenspieler dieser Zeit konnten auf diese Situation nur
bedingt reagieren. Die meisten von ihnen waren
Analphabeten, die Stücke nur mündlich tradiert. Zensur und
Stückumwandlungen bedurfte aber niedergeschriebener Texte.
Dennoch verdanken wir dieser Zeit, daß Textefassungen von
Stücken existieren, welche bisher nur als Familientradition
weitergegeben wurden. Viele Stücke gehen aber in dieser
Zeit verloren.
18. Jhd. In Basel bietet sich für Puppenspieler ein neues
Zentrum. Es entsteht eine neue , harte, Zunft der
Puppenspieler.
19.Jhd. In Deutschland entstehen romantische
Kaspertheaterbühnen, als Publikum werden Kinder
angesprochen. Dichter und Theatertheoretiker loben das
Puppentheater als besondere Theaterform, es entstehen neue
Stücke. Seither gibt es neben den traditionellen
Puppenspielerfamilien auch eine "intellektuelle" Form des
Puppentheaters. Unter der "Umdeutung" des Puppentheaters
zum "Kindertheater" leidet das Figurentheater bis heute.
20. Jhd. Anfang des Jahrhunderts erfährt das Schattenspiel
im Jugendstil eine kurzen Blüte.
1917 Nach der Revolution in Rußland wird Puppentheater zur
"Volksbildung" eingesetzt.
ca. 1925 Im Bauhaus wird eine Verbindung zwischen Theater
und bildender Kunst im Puppenspiel gefunden.
1929 In Prag wird die UNIMA ( Union internationale de la
marionette) gegründet. Dies ist eine internationale
Vereinigung der Puppenspieler.
1933 Im "3. Reich" werden Puppenspieler für die Propaganda
eingesetzt
Ab 1945 Nach dem 2. Weltkrieg erfährt das Puppentheater
einen ungeahnten Aufschwung, neue experimentelle
Figurenformen entstehen. In den osteuropäischen Staaten
wird "Figurenspieler" zum Ausbildungsberuf, im Westen
drängt das Figurentheater mit hohem Niveau in die
Akademien, muß aber immer noch um Anerkennung kämpfen.
Durch die vielen neuen Figurentypen entsteht das Bedürfnis,
einen neuen Begriff für diese Theaterform zu finden, auch
als Abgrenzung zum traditionellen Puppentheater. Seither
wird der Begriff "Figurentheater" als übergreifender
Begriff benutzt. Er umfaßt neben den traditionellen
Theaterformen mit Puppen auch Mischformen (Menschen- und
Puppentheater) und spezielle Theaterformen (Schwarzes
Theater, Theater mit Schwarzlicht)